„Ich hätte gar nicht für möglich gehalten, dass man in einem so kleinen Rahmen auf so viele engagierte Menschen trifft.“ – Gespräch mit fünf Bundessprecher*innen der AWO-Freiwilligen im FSJ und BFD

Bei der AWO engagieren sich jedes Jahr etwa 5.000 Freiwillige im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder Bundesfreiwilligendienst (BFD). Sie unterstützen soziale Einrichtungen, erleben gemeinsame Seminare und haben auch die Möglichkeit, als Sprecher*innen aktiv zu werden und so für die Anliegen der Freiwilligen einzutreten. Dazu wählen die einzelnen Seminargruppen Sprecher*innen, die sich auf der regionalen Ebene in einem Gremium zusammenfinden. Aus diesem werden dann wiederum jeweils 2 Vertreter*innen für den Sprecher*innenrat auf Bundesebene gewählt. Dort werden Themen und Anliegen der AWO-Freiwilligen aus allen Regionen zusammengetragen und in Arbeitsgruppen bearbeitet.

Mit fünf Bundessprecher*innen aus dem Jahrgang 2020/21 habe ich mich getroffen, um mit ihnen zum Ende ihres Freiwilligendienstes über ihr Engagement sowie ihre Erwartungen an die AWO und die Politik zu sprechen – digital via Videokonferenz, so wie für sie auch alle Seminare in diesem außergewöhnlichen Corona-Jahrgang stattgefunden haben.

Paula, Verena und Melissa haben jeweils ein FSJ in der Kita geleistet – bei den „ganz Kleinen“ in der Krippe. Jonathan hat sich in einem Jugendtreff engagiert und Magdalena in einem integrativen Kinderhort. Warum haben Sie sich als Sprecher*innen der Freiwilligen wählen lassen?

Verena: Ich war schon immer jemand, der sich gern für andere Leute eingesetzt hat und versucht hat, die Gruppe auf einen Nenner zu bringen und das Feedback von den Einzelnen an höherer Stelle anzubringen. Also: Ich setz mich gern für Leute ein. Ich glaube, das war meine größte Motivation.

Paula: Ich fand es cool, dass man so viel bewegen konnte – für sein Bundesland aber eben auch bundesweit. Als ich dann noch erfahren habe, dass es das Sprecher*innensystem gar nicht überall gibt, sondern dass das bei der AWO durchaus etwas Besonderes ist, fand ich es noch mal cooler.

Magdalena: Dass ich Sprecherin geworden bin, war eher Zufall. Ich hatte Mitleid mit meiner Seminarleiterin, weil sich keiner aufstellen lassen wollte. Cool fand ich dann, dass man mit Leuten aus ganz Deutschland zusammenkommt und über Ziele des FSJ redet.

Jonathan: Ich glaub, bei mir war’s einfach nur das Bedürfnis nach persönlichen Erfahrungen – vor allem nach welchen, die etwas mit der Politik zu tun haben, also beispielsweise Dinge durchzubringen oder sich für andere einzusetzen. Ich bin selbst in einer Partei und trete jetzt bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen an. Da dachte ich mir, dass das mit den Sprecher*innen eigentlich eine gute Methode wäre, kennenzulernen, wie man z.B. Konzepte erarbeitet und irgendwann durchbringt.

Melissa: Tatsächlich war bei mir auch Berlin ein Faktor, weil es ja ursprünglich hieß, man würde sich einmal in Berlin treffen und auch einmal in der Mitte Deutschlands. [Durch die Corona-Einschränkungen fanden die Treffen dann alle online statt, A.d.R.] Aber allgemein die Tatsache, dass das bundesweit ist und man Leute aus ganz Deutschland kennenlernt, war für mich echt interessant.

Die Bundessprecher*innen des Jahrgangs 2020/21 haben u.a. ein Instagram-Account ins Leben gerufen und eine Postkarte an alle AWO-Freiwilligen verschickt, um ihnen für Ihr großes Engagement im FSJ und BFD zu danken – gerade unter den schwierigen Bedingungen dieses „Corona-Jahrgangs“. Andere Projekte wurden begonnen wie etwa ein Forderungsschreiben zur Vereinheitlichung des Taschengeldes. Das war zunächst mit viel Recherchearbeit verbunden (Wieso unterscheiden sich die Taschengeldhöhen? Wie setzt sich das Taschengeld zusammen? Warum gibt es je nach Einsatzbereich unterschiedliche Ressourcen?). Auch eine Umfrage unter den Freiwilligen gehörte dazu. Das Forderungsschreiben und ein paar weitere Projekte haben die Sprecher*innen dieses Jahrgangs noch nicht ganz zu Ende gebracht. Dafür haben Sie das „goldene Buch“ erfunden. Darin sind alle Projekte dokumentiert, damit die nachfolgenden Generationen daran anknüpfen und weiterarbeiten können.

Alle fünf Sprecher*innen haben nun den Freiwilligendienst (fast) hinter sich. Was wünschen Sie sich für künftige Freiwillige von der AWO oder der Politik?

Jonathan: Von der AWO würde ich mir eine starke Vernetzung wünschen. Es wäre zum Beispiel schön, wenn es öfter Wiedersehenstreffen geben würde, oder man immer mal wieder die alten Freiwilligen oder Sprecher*innen anfragt – z.B. für Veranstaltungen, wo man uns gut gebrauchen kann oder für ein Treffen der Genrationen, einfach zum Austausch.
Von der Politik wünsche ich mir, dass die Freiwilligendienste stärker wahrgenommen werden. Beispielsweise werden freie Bahnfahrten für Angehörige der Bundeswehr als Erfolg gefeiert, wobei mir unklar ist, warum das so schnell durchgekommen ist. Dagegen kämpfen die Freiwilligen schon lange für ein kostenloses ÖPNV-Ticket. Dazu hört man leider gar nichts und ich habe davon auch nichts in den Wahlprogrammen gelesen. Das finde ich enttäuschend. Die Wahrnehmung dafür, dass wir als Freiwillige den Menschen in diesem Land durch unseren Einsatz sehr viel helfen, die müsste gesteigert werden.

Magdalena: Das war  mehr oder weniger das Grundthema von allen unseren Projekten – die Wertschätzung. Das steht hinter der Dankes-Postkarte an alle Freiwilligen, hinter der Forderung nach einem Freiwilligenticket oder nach einem höheren Taschengeld. Wenn man sagt, man macht nach der Schule ein FSJ, dann fragen erst einmal alle „Ah, ok, freiwillig? Und was verdienst du da?“. Es ist gar nicht im Bewusstsein der Leute, wieviel Herz man da reinsteckt, wieviel Energie man gibt. Viele wissen nicht genau, was ein FSJ ist. Es ist etwas Soziales und ich glaube, soziale Berufe sind in unserer Gesellschaft eher nicht so angesehen. Es wäre schön, wenn es da mehr öffentliche Unterstützung von gesellschaftlichen Führungspersonen gäbe, einfach dadurch, dass der Freiwilligendienst mehr thematisiert wird. So wie der Zivildienst früher, der war viel etablierter, das hat man halt einfach gemacht.

Melissa: Ich muss gestehen, dass ich bis zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung gar nicht wusste, dass ich ein Taschengeld bekomme. Ich wollte mich trotzdem in diesem Kindergarten engagieren. Aber ich würde auch sagen, die AWO sollte sich die Unterschiede in den Taschengeldhöhen wirklich mal anschauen.
Was die Politik angeht, schließe ich mich den anderen an. Die Aufmerksamkeit sollte größer sein und die Wahrnehmung: da sind junge Menschen, die haben Bock was zu tun, dann sollten wir die auch unterstützen. Und das einfachste, was sie tun könnten, wäre ein kostenloses ÖPNV-Ticket für Freiwillige einzuführen, um zu sagen „Ihr dürft fahren, wohin ihr wollt“ – im eigenen Bundesland, das würde ja schon reichen. Und natürlich auch, um kostenlos zur Einsatzstelle zu kommen.

Verena: Von der Politik wird immer betont, wir seien die Generation der Zukunft und man muss uns fördern, Bildungsoffensive, bli-bla-blubb. Und wenn man dann auf soziale Berufe schaut, die ja wirklich gebraucht werden und für die man händeringend nach Nachwuchs sucht, dann ist es mir unverständlich, wie wenig politische Anerkennung zum Beispiel für FSJler rüberkommt und dass da häufig immer noch ein Bild von der billigen Hilfskraft vorherrscht – wie manche Freiwillige berichten, leider zum Teil auch in der eigenen Einrichtung.

Paula: Auch ich würde mir politisch wirklich mehr Anerkennung wünschen. Ich habe das Gefühl, dass auf uns als junger Generation eine große Last liegt, die Zukunft besser zu machen und dass wir auf der anderen Seite wenig wertgeschätzt werden, zum Beispiel wenn wir einen Freiwilligendienst machen. Das ist schon schade, weil es ja eine super Sache ist nach der Schule, um Erfahrungen zu sammeln, selbst dann, wenn man wie ich beruflich in eine andere Richtung gehen will. Ich würde jetzt nach meinem FSJ sagen, ich würde es definitiv noch mal machen! Und da finde ich schade, dass das so ungesehen ist.

Und über den Freiwilligendienst hinaus – was sind für die Sprecher*innen die Themen, die die nächste Bundesregierung unbedingt angehen muss?

Verena: Das ist für mich ganz klar das Thema Nachhaltigkeit und grüner werden. Das ging mir in letzter Zeit sehr nahe. Die Überschwemmungen und die ganzen Waldbrände schockieren mich gerade sehr! Mir war auch schon vorher der Klimawandel sehr bewusst, aber seit diesem Jahr kriege ich echt Angst.

Paula: Da schließe ich mich an. Ich glaube das sieht gerade jeder, dass der Klimaschutz das Riesenthema ist. Es wird so deutlich, man hört eigentlich nur noch Schreckensnachrichten.
Aber auch Schulen und Digitalisierung sind ein Bereich, wo unheimlich viel gemacht werden muss. Ich finde (zumindest in Berlin) das Schulsystem total veraltet – ich nehme an, dass das in anderen Bundesländern ähnlich ist. Schule ist immer noch wie vor 50 Jahren. Ich finde, es ist die Zeit gekommen, Grundlegendes zu verändern.

Magdalena: Man hat dieses Jahr mit Corona gemerkt, wieviel sich die Politik für die ältere Generation einsetzt. Für die junge Generation wird einfach momentan nicht viel gemacht. Ich bereite mich z.B. gerade auf mein Studium vor und es ist krass, dass da immer noch gar keine Informationen da sind, wie das jetzt weitergehen soll. Oder auch in den Schulen, wie soll das funktionieren, dass die Schulen nach den Ferien wieder aufmachen können? Ich finde, die Bedürfnisse der jungen Generation, das sollte jetzt einfach ein großes Thema werden.

Melissa: Wir mussten jetzt wirklich so lange zurückstecken seit das 2020 losging – bei allem. Da war nix mit Freunde treffen, feiern gehen etc. und gefühlt war die Jugend trotzdem immer der Buhmann. Die ‚böse Jugend‘, die die Parks schmutzig hinterlässt und sich für nichts interessiert, obwohl das vielleicht nur 5% der Leute sind.

Paula: Mir ist noch etwas eingefallen, was zwar schon passiert, was ich aber gerne noch verstärkt sehen möchte und zwar, dass in der EU etwas gegen die homophoben Aktivitäten in Ungarn und Polen unternommen wird. Da sollte viel mehr und schneller gehandelt werden. In der EU sollten keine Menschen verfolgt oder ausgegrenzt werden können, nur weil sie eine andere Sexualität haben.

Jonathan: Ich halte den Klimaschutz für zentral. Es mangelt ja nicht an Konzepten, etwas zu ändern, aber am Willen. Außerdem finde ich auch das Thema Bildung ziemlich wichtig. Wie Paula schon sagte, ist da vieles sehr veraltet. Man sieht die Schule immer noch als Instanz der Wissensvermittlung, obwohl Wissen heute grenzenlos zur Verfügung steht und man uns vor allem das Lernen an sich beibringen müsste. Es herrschen immer noch viele falsche Rahmenbedingungen, gerade für junge Leute.

Zum Schluss interessiert mich noch, was die fünf mitnehmen – egal ob aus dem praktischen Einsatz, den Seminaren oder der Sprecher*innentätigkeit.

Melissa: Also ich nehme auf jeden Fall mit, dass überall Menschen sind wie du und ich. Vor dem FSJ dachte ich oft „Wow, das sind die großen Erwachsenen“, aber ich habe gelernt, dass die auch alle klein angefangen haben. Bei meinen Kollegen in der Einsatzstelle bin ich mittlerweile wirklich herzlich willkommen auch mal privat zu reden, gemeinsam Pause zu machen etc. – das ist total schön. Zu wissen, dass es normal ist, Fehler zu machen. Das sagen mir die Mentoren der AWO und meine Kollegen, dass sie auch heute noch Fehler machen oder Neues lernen und die haben schon 40 Jahre Berufserfahrung!

Jonathan: Was ich auf jeden Fall mitnehme, sind die neuen Kontakte, die ich habe. Ich habe sehr viele interessante Leute kennengelernt – das sind Kontakte, die mich vielleicht noch mein Leben lang begleiten werden.

Magdalena: Am stärksten habe ich mitgenommen, zu merken, wie das Arbeitsleben so ist. Ich weiß jetzt, wie man mit erwachsenen Personen reden sollte, damit man seine Ziele erreicht – dass man da seine Frau stehen muss und seine eigenen Bedürfnisse auch artikuliert. Das nehme ich mit von dem Sprecherinnenamt und auch aus dem praktischen Einsatz. Und mit dem FSJ ist eine Bubble geplatzt. Davor war man so in seinem Schulzeug und dann trifft man plötzlich zum Beispiel auf wirklich arme Kinder – das ging mir schon sehr nahe.

Verena: Ich bin selbstbewusster geworden, wozu das Sprecher*innensystem sehr viel beigetragen hat. Ich hatte durchaus schon nicht so positive Erfahrungen, was die Reaktion auf mich angeht, und da hat es mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben, dass ich Sprecherin wurde. Insgesamt hat es mein Selbstbild sehr positiv geprägt, dass ich wirklich mal für meine Positionen einstehen musste auch in der Einsatzstelle.

Paula: Ich kann mich da anschließen, in der Schule ist man noch so jugendlich und wir sind jetzt wirklich alle „erwachsen“ geworden (auch wenn ich es komisch finde, das zu sagen). Obwohl wir „nur“ Freiwillige waren, waren wir doch irgendwann gleichgestellt. Man musste genauso früh aufstehen und kam genauso geschafft nach Hause wie vielleicht die Eltern. Ich habe insgesamt eine große Veränderung durchgemacht – durch die Erfahrungen und Eindrücke, aber auch was die Freunde angeht. Ich habe sowohl in den Seminaren als auch unter den Sprecher*innen gute Freunde gefunden. Aber das coolste, was ich mitnehme, ist das ganze Produktive, was wir alles geschafft haben – egal auf welcher Ebene.

Beitrag von Tina Stampfl

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